Worum es in meinem Seminar geht
Drei Momentaufnahmen. Im Januar 2025 zeigt Elon Musk bei einer Wahlkampfveranstaltung eine Geste, die viele als faschistischen Gruß deuten. Schon 2009 schreibt der Tech-Investor Peter Thiel in einem viel beachteten Essay, er glaube nicht mehr daran, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar seien. Und der heutige US-Vizepräsident J.D. Vance erklärt 2021 auf einer Bühne: „The universities are the enemy.“
Was verbindet diese drei Bilder? Diese Frage steht am Anfang meines Online-Seminars an der FernUniversität in Hagen „Techno-Faschismus und Bildung“, — und sie ist der Einstieg in ein Thema, das mich als Forscher derzeit intensiv beschäftigt.
Um was geht es?
Wenn Tech-Milliardäre ohne demokratische Legitimation staatliche Institutionen umbauen, wenn Algorithmen politische Meinungsbildung steuern und wenn führende Köpfe des Silicon Valley offen mit autoritären Ordnungsvorstellungen liebäugeln, dann stellt sich eine unbequeme Frage: Haben wir es hier mit einer neuen Form des Faschismus zu tun?
Der Begriff „Techno-Faschismus“ beschreibt genau diese Dynamik. In der jüngeren Forschung finden sich dafür unterschiedliche, sich ergänzende Bestimmungen:
Mark Coeckelbergh (2026): die Verschmelzung digitaler Technologien — insbesondere KI — mit faschistischen politischen Tendenzen, die dem klassischen Faschismus ähneln, ohne dessen äußere Symbole zwangsläufig zu kopieren.
Christian Fuchs (2026): eine zeitgenössische Form des rechten Autoritarismus, die im Kapitalismus verwurzelt ist und durch digitale Infrastrukturen neu organisiert wird.
Rainer Mühlhoff (2025): eine politische Synergie zwischen neuen rechten Bewegungen und Tech-Eliten, die auf anti-demokratisches Handeln, Technologie als Machtinstrument und die systematische Anwendung von Gewalt zielt.
Techno-Faschismus ist kein gänzlich neues Phänomen. Seine Wurzeln reichen zurück bis in die 1990er-Jahre, in den sogenannten Cyberlibertarismus, eine Mischung aus Computer-Faszination, Marktgläubigkeit und einem tiefen Misstrauen gegenüber dem Staat. Insbesondere John Perry Barlows „Declaration of the Independence of Cyberspace“ (1996) hat das Versprechen formuliert: das Internet als Befreiung, der Staat als Hindernis, der Markt als Lösung. Lange wurde dieses Denken von positiver digitaler Rhetorik überstrahlt. Heute zeigt sich seine reaktionäre Kehrseite umso deutlicher.
Warum dieses Seminar?
Ich arbeite seit Jahren an der Schnittstelle von Bildungstheorie und digitaler Gesellschaftskritik. Mein Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass digitale Bildungsinfrastrukturen nie neutral sind: In jeder Plattform, jedem Tool, jeder KI-Anwendung stecken Annahmen darüber, was Lernen ist, wer darüber entscheidet und wem die Daten gehören.
Genau hier wird Techno-Faschismus für die Bildung relevant. Drei Entwicklungen sind dafür wichtig:
- Digitale Plattformen und Apps als Träger rechter, libertärer Ideologien — oft unter dem Deckmantel von „Innovation“.
- Strukturelle Abhängigkeit von wenigen, meist US-amerikanischen Anbietern, die de facto Standards setzen.
- KI als Verstärker bestehender Ungleichheiten: Algorithmen sortieren und klassifizieren — und bleiben dabei unsichtbar.
Dieses Seminar ist Teil einer größeren Forschungsarbeit, an der ich derzeit schreibe: einer Analyse autoritärer Tendenzen in der Hochschul- und Bildungsdigitalisierung. Das Seminar ist für mich auch ein Resonanzraum — ich lerne von den Erfahrungen der Teilnehmer/innen aus Schule, Hochschule, Erwachsenenbildung und Bildungspolitik, wo dieses Phänomen im Alltag konkret wird.
Der Analyserahmen: das ideologische Dreieck
Damit aus diffusem Unbehagen eine präzise Analyse wird, arbeite ich mit einem ideologischen Dreieck. Es bündelt drei Denkfiguren, die zusammen den techno-faschistischen Kern ausmachen:
- Technologischer Determinismus — Digitale Technologien und KI erscheinen als autonome, unaufhaltsame Kraft. Gesellschaftliche Gestaltungsspielräume werden eingeschränkt, Widerstand gilt als „technikfeindlich“.
- Marktfundamentalismus — Der Markt regelt es allein. Aus Wettbewerb werden Monopole; private Anbieter setzen faktisch die Standards (Amazon bei Cloud-Lösungen, Microsoft bei Office-Anwendungen).
- Autoritäre Ordnungsvorstellungen — Entscheidungen werden an technische Systeme delegiert, ohne demokratische Legitimation. Macht konzentriert sich bei wenigen: eine Tech-Oligarchie.
In der Zuspitzung dieses Denkens verschiebt sich der Marktfundamentalismus zu etwas, das Quinn Slobodian und Ben Tarnoff treffend „Muskismus“ nennen: Der Wettbewerb wird zugunsten höherer Profite überwunden, der Staat ist nicht mehr Gegner, sondern Vertragspartner für Infrastruktur und Souveränität wird ausgelagert.
Aus diesem Rahmen leite ich drei Diagnosefragen ab, die das ganze Seminar durchziehen und mit denen sich Praxisbeispiele befragen lassen:
- Wer kontrolliert Infrastrukturen und Daten in der Bildung ?
- Welche Vorstellungen vom Lernen sind in die Technologien eingeschrieben?
- Welche alternativen Perspektiven werden ausgeblendet?
Wie gehe ich vor?
Das Seminar besteht aus zwei Online-Terminen und folgt einem klaren Bogen: von der Diagnose zur Handlung.
In der ersten Sitzung nähern wir uns dem Begriff konzeptuell, historisch und mit Blick auf erste Phänomene aus der Bildungspraxis. Nach einem kurzen Input erarbeiten die Teilnehmer/innen in Gruppen die Kernbegriffe direkt an Textstellen, der Begriff soll nicht doziert, sondern selbst erschlossen werden.
Die zweite Sitzung ist praxisorientiert. Wir analysieren zunächst vier fiktive, aber charakteristische Fallvignetten aus den Kontexten Schule, Hochschule, Erwachsenenbildung und Bildungspolitik. Daraus entwickeln wir gemeinsam eine Kriterienliste, die wir anschließend auf die mitgebrachten eigenen Praxisbeispiele anwenden. Den Abschluss bildet die Frage nach Handlungsmöglichkeiten, individuell, organisational und strukturell-politisch.
Mir ist dabei eine Haltung besonders wichtig, die ich den Teilnehmer/innen ausdrücklich mitgebe:
Es geht nicht darum, jedes Beispiel als „techno-faschistisch“ zu etikettieren, sondern um eine möglichst differenzierte Analyse.
Diese analytische Zurückhaltung ist mir kein Nebensatz, sondern Programm: Wer überall Faschismus sieht, verliert die Fähigkeit, ihn dort zu erkennen, wo er wirklich wirkt.
Ausblick
Techno-Faschismus ist ein dynamisches Feld. Es zeigt sich nicht in Uniformen, sondern in Tools, Plattformen und Abhängigkeiten. Genau das macht es so schwer fassbar und so wichtig für die Bildungswissenschaft.
Ich forsche zu diesem Thema weiter und freue mich über den Austausch. Wenn Ihnen interessante Literatur, Projekte oder Beispiele begegnen — oder wenn Sie über das Seminar ins Gespräch kommen möchten — melden Sie sich gerne jederzeit bei mir.


